6. Gesellschaft - Society

Wissenschaftsbasierte Politik? [DE]

Für Politiker ist die Wissenschaft ein breites Schutzschild, hinter dem sie sich gerne verstecken. Sie bietet beliebige Argumente mit deren Hilfe sie sich leicht ihrer Verantwortung entziehen können. Selbständiges Denken wird auf diese Weise vermieden. Egal ob Klimawandel, Bildung und Ausbildung, oder Gesundheit: Beweiskräftige Untersuchungen wissenschaftlicher Experten sind immer schnell zur Hand. „Die Wissenschaft sagt uns ....“ ist ein geflügeltes Wort, mit dem Politiker jede demokratische Debatte im Keim ersticken.

Ohne wissenschaftliche Beweise im Hintergrund stehen Politiker ziemlich nackt da. Aber sind wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage politischer Entscheidungen nicht vielleicht auch ein Beweis für die politische Reife einer Demokratie an der Wende zu einer „Scientokratie“?

DIE SCHLACHT DER IDEEN

Das britische Institut für Ideen, Institute of Ideas, trifft mit seiner öffentlichen Diskussion zum Thema „Evidenzbasierte Politik - Drücken sich Politiker um ihre Verantwortung, wenn sie sich hinter der Wissenschaft verstecken?“ den Nerv einer neuen Wissenschaftsdebatte. Es ist eine von mehreren Sitzungen, die das Institut auf seinem jährichen Kongress <a href="http://www.battleofideas.org.uk"„Schlacht der Ideen“ durchführt, der in diesem Jahr am 20. März in der Royal College of Arts in London stattfindet. Während dieser Veranstaltung diskutieren Wissenschaftler, Politiker und Journalisten vor und mit dem Londoner Publikum über Sinn und Ziel von Wissenschaft in der Verbindung von Politik.

SCIENTOKRATIE STATT DEMOKRATIE

Das ist bitter nötig, damit eine mögliche Scientokratie nicht die demokratischen Entscheidungprozesse gänzlich untergräbt. Bekanntlich lassen Politiker ja nur das erforschen, was ihre vorgefasste Meinung bestärkt und die Wissenschaftler freuen sich über zusätzliche Drittmittel. Staatlich geförderte Forschung wird auf diese Weise schnell zu einem Instrument, das ungeprüfte politische Annahmen stützt, aber nicht mehr dazu taugt, eine Gesellschaft weiter zu entwickeln.

Wissenschaftliche Erkenntnisse, die politischen Zielen widersprechen, verschwinden einfach im Giftschrank, wie jüngst die Studie zur privaten Krankenversicherung in Deutschland. Diese Untersuchung kommt nämlich zu dem Schluss, dass private Krankenversicherungen keine Geschäftsmodelle sind, die kranke Menschen effizient absichern können. Eine solche Aussage passt der derzeitigen deutschen Regierung aber überhaupt nicht ins Konzept. So ordnete der zuständige Minister Rainer Brüderle (FDP) an, die Studie verschwinden zu lassen. Glücklicherweise vergeblich. Sie tauchte nämlich auf der Webseite Wikileaks wieder auf (Schlussbericht Private Krankenversicherung, 25 Jan 2010).

DER FORESIGHT-PROZESS

Immer dann, wenn Politiker gesellschaftliche Prozesse anregen und sie auch durchziehen, besteht Gefahr für die Demokratie. Ein Beispiel ist der Bologna-Prozess, auf den sich ein paar europäische Minister geeinigt hatten, der aber erst Gegenstand öffentlicher Debatten wurde, als er gewaltig aus dem Ruder lief. Möglicherweise bahnt sich in Deutschland ähnliches mit dem sogenannten „Foresight“-Prozess des Bundesforschungsministeriums an, der 2007 losgetreten wurde. Auch er sieht keine demokratische Mitwirkung der Bürger zu wichtigen Zukunftsfragen vor.

Mit dem Foresight-Prozess soll die Innovationsfähigkeit des Forschungs- und Bildungsstandortes Deutschland nachhaltig gesichert werden. Er dient dazu, neue Schwerpunkte in Forschung und Technologie festzustellen, Gebiete für übergreifende Aktivitäten zu benennen, Potenziale für strategische Partnerschaften herauszufinden und die wichtigsten Handlungsfelder für Forschung und Entwicklung festzulegen.

Immerhin, die Methoden des Foresight-Prozesses hat das Ministerium offen gelegt. Und der Tat lässt das Vorgehen in diesem Prozess ausdrücklich nur Expertenmeinungen vor, die in zwei Workshops und einer Online-Befragung eingeholt wurden. Im Dunkeln bleibt, nach welchen Kriterien die Experten ausgewählt wurden.

Am 22. Juni 2009 fand der Abschlusskongress zum Foresight-Prozess statt. Jetzt sollen bis Ende September 2010 Wissenschaftler des Instituts für Technologie und Arbeit in Kaiserslautern darüber urteilen, ob dieser Prozess auch methodisch korrekt durchgeführt wurde. Bleibt die spannende Frage, ob die Gutachter in ihrem Urteil den gravierenden Mangel an Demokratieverständnis auch wirklich als eine entscheidende Schwäche des gesamten Prozesses sehen.

Da es offenbar Teil politischer Herrschaft ist, unangenehme Wahrheiten zu unterschlagen, wie das Beispiel aus dem Hause des Wirtschaftsministers Brüderle beweist, so ist auch bei der Auswertung des Foresight-Prozesses zu befürchten, dass nur die vorgefasste Meinung der derzeitigen Regierung zementiert wird.

WISSENSCHAFT DARF NICHT VOM DENKEN BEFREIEN

Aber Wissenschaft und Forschung gehen alle an. Es geht dabei nicht um vordergründige Zwecke, wie Innovationen oder noch mehr Wissenserwerb. Es geht auch nicht um die Verwirklichung einer Wissensgesellschaft.

Vielmehr geht es darum, grundsätzliche Diskurse über die Bedeutung von Forschung und Wissenschaft für den Erkenntnisgewinn einer Gesellschaft zu führen, damit sie sich intellektuell, sozial und kulturell weiter entwickeln kann. Umgekehrt kann auch nur eine so entwickelte und gebildete Gesellschaft in demokratischen Debatten und Entscheidungsprozessen der Wissenschaft gegenüber ihre Bedürfnisse deutlich machen und sie gleichzeitig daran hindern, ihre Freiheit so zu mißbrauchen, wie sie es in totalitären Systemen gerne getan hat. Nicht zuletzt muss eine demokratisch offene Wissenschaft die Politiker auch in die Lage versetzen, wieder selbst zu denken, damit sie sich nicht hinter Expertisen verstecken oder sie ganz verschwinden lassen können. Nur so schützt sich die Wissenschaft sich auch selbst davor, zum naiven Büttel politischer Macht zu werden.

Foren, wie die „Schlacht der Ideen“ in London oder auch die „Wissenschaftsdebatte 2009“ im Internet, die der Journalistenverband TELI ins Leben rief, sind die ersten hoffnungsvollen Zeichen für ein neues Nachdenken über Wissenschaft, eine neue Kultur des Diskurses.


Hanns-J. Neubert, 2010-03-10, Länge: 6500 Zeichen - ddd

Vorschusslorbeeren für Obama? [DE]

Mit Kopfschütteln, ratlosen Gesichter und auch viel Kritik nahm die Welt die Entscheidung des Friedensnobelpreiskomitees zur Kenntnis, die den Preis in diesem Jahr dem US-Präsidenten Barack Obama verlieh. Wurden damit Erwartungen statt Taten honoriert, wie viele Kommentatoren schreiben? Ja. Aber das ist sicherlich auch so gewollt und durchaus weise.

Denn mit dem Friedensnobelpreisen wurden immer wieder Personen geehrt, die einen für die Menschheit positiven Prozess begonnen haben. Unter denen, die einen Friedensprozess zu Ende geführt hatten, bekamen nur diejenigen den Preis, die ihn auch begannen.

In Deutschland sind viele düpiert. Sind doch die Medien gerade jetzt Anfang Oktober voll von Repliken auf die Wendejahre 1989/1990. Eigentlich wäre es doch an der Zeit, dass endlich einmal die Friedensbewegung der DDR und deren Vertreter einen Friedensnobelpreis bekommen hätte.

Doch die Friedensbewegung in der DDR hat ja vor 20 Jahren ihren Abschluss gefunden und ihr Ziel erreicht, nämlich die Bürger der DDR zu befreien. Damit hat sie aufgehört zu existieren und von ihr sind keine zukünftigen Aktionen zu erwarten, die dem Wohl der gesamten Menschheit dienen. Die Aktionen der Friedensbewegung dienten allerdings sowieso nie der gesamten Menschheit – es ging immer nur um die DDR. Für uns Deutsche mag das ja wichtig gewesen sein. Aber für die Menschheit?

Es war immerhin ein zwölf Jahre langer Prozess, ehe am Ende endlich auch die lethargischen Bürger der DDR auf den Zug der Friedensbewegung aufsprangen. Die Langhaarigen, die sich in den evangelischen Kirchen und bei den kirchlichen Freizeiten versammelten, waren ja bei den DDR-Bürgern bis weit über die Mitte der 80er Jahre genauso unbeliebt, wie die Punks in Westdeutschland.

Zur Erinnerung: Angefangen haben die Proteste bereits 1978, als die DDR das Pflichtfach "Wehrerziehung" an den Schulen einführte. Damals organisierte die evangelische Kirche vor allem in Königswalde alternative Seminare mit dem Titel "Erziehung zum Frieden", zu denen tausende von langhaarigen, Jeans- und Minirock-tragenden, an Hippies erinnernde Jugendliche aus der ganzen DDR anreisten.

Einen ersten Höhepunkt bildete der Buß- und Bettag des Jahres 1980, der als Abschluss einer zehntägigen "Friedensdekade" in den evangelischen Kirchen gefeiert wurde. Die DDR-Behörden versuchten damals mit Sirenen das Glockengeläut zu übertönen. Dieser Tag kann im Grunde als Beginn der organisierten DDR-Friedensbewegung angesehen werden. Zu den Buß- und Bettagsgottesdiensten des Jahres 1980 wurde erstmals unter dem Slogan "Schwerter zu Pflugscharen" eingeladen und die bekannten Grafik dazu veröffentlicht.

Bemerkenswert übrigens, dass genau dieser Feiertag im Jahre 1995 als Feiertag in Deutschland abgeschafft wurde – unter Protest von ehemaligen Aktivisten der DDR-Friedensbewegung! Stattdessen wurde der 3. Oktober zum Feiertag, der Tag, an dem der Kampf der Aktivisten zu Ende war und Reden schwingende Politiker die Lorbeeren einstrichen.

Die Pfarrer Christian Führer und Christoph Wonneberger, mitunter als Kandidaten für den Friedensnobelpreis ins Spiel gebracht, kamen ja auch erst später dazu und standen ganz am Ende einer Entwicklung, die der sächsische Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider mit dem Evangelischen Jungmännerwerk und dem CVJM am Buß- und Bettag 1980 erstmals zu einer politischen Bewegung machte. Er war es übrigens, der den Slogan "Schwerter zu Pflugscharen" prägte. An den Montagsdemonstrationen ab dem 4. September 1989 teilzunehmen, war ja zu dem Zeitpunkt schon relativ ungefährlich, weil dem Regime da schon die Puste ausgegangen war.

Warum sollen die, die den Kampf begonnen und die oft viel härtere und gefährlichere Anfangszeit durchstanden haben, immer leer ausgehen, während die, die revolutionäre Prozesse zum Abschluss führen, also quasi die Lorbeeren der Vorkämpfer ernten, immer die Geehrten sein? Bretschneider war wirklich mutig, Führer und Wonneberger konnten schon auf eine Massenbasis bauen und waren dadurch relativ geschützt.

Ich denke, dass das Friedensnobel-Komitee genau diese Anfangspotenziale stärken will. Die Einschätzung, ob Personen, die eine Entwicklung in Gang gesetzt haben, diese auch so weiter treiben können, wie sie es planen, ist natürlich schwierig. Oft müssen sie Hürden nehmen, die sich dann als unüberwindlich erweisen, wie bei Arafat und Kissinger. Das ist dann Pech.

Der Friedensnobelpreis ist ja auch der Nobelpreis, der von Beginn an umstritten gewesen ist. Praktisch alle Entscheidungen wurden in der Vergangenheit angefeindet. Er wurde fast immer auf der Basis einer politischen Hoffnung vergeben.

Als Henry Dunant 1901 den ersten Friedensnobelpreis erhielt, war überhaupt nicht klar, ob das Internationale Rote Kreuz jemals eine bedeutende Rolle spielen würde. Völlig offen war auch, ob die "Interparlamentarischen Union für internationale Schiedsgerichtsbarkeit", die William Randal Cremer gegründet hatte und wofür er 1903 den Friedensnobelpreis bekam, einmal zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag und zum Internationalen Seegerichtshof in Hamburg führen würde.

Also, geben wir Obama eine Chance – auch wenn er noch nicht den CIA für die US-Invasionen in aller Welt zur Rechenschaft zieht und die Lager in Guantanamo und Bhagran noch nicht schließt. Der US-Präsident hat in der Praxis eben nicht die Macht, die ihm auf dem Papier eingeräumt wird.

Militär und Geheimdienste in den USA sind in den Zeiten des kalten Krieges zu weitgehend unkontrollierbaren Staaten im Staat geworden. Und die wehren sich mit Händen und Füßen gegen die Einflussnahme der Präsidenten, wenn es ihren militärischen und geheimdienstlichen Interessen zuwider läuft. Dieser militärisch-wirtschaftliche Komplex, der sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht, ist sicherlich im Zweifelsfall nicht zimperlich und dürfte schwer zu knacken sein. Vielleicht ist es ja für Obama schlichtweg noch zu gefährlich, den CIA für Irak/Iran/Afghanistan verantwortlich zu machen oder die völkerrechtswidrigen Folteranstalten in Guantanamo und Bhagran zu schließen.

Seien wir nicht überheblich: Wir Deutschen haben es in bald 65 Jahren nicht geschafft, die alten Nationalsozialisten zu verurteilen und die ehemaligen Folterfabriken zu schließen, weil es um wirtschaftliche und politische Interessen ging. Beispiele sind Hans Karl Filbinger, der sich als Marinerichter nicht scheute, Soldaten zum Tode zu verurteilen, die Quandt-Familie, die BMW zu einer Folterfabrik machte, oder Wilhelm Scheffler, Gründer der Scheffler-Gruppe mit mehreren Fabriken aus der Enteignungsmasse von Juden, in denen ebenfalls Zwangsarbeiter verschlissen wurden, und der noch 1973 Ehrenburger von Herzogenaurach wurde, bevor er 1981 starb.

Obama hat die Verbrechen der USA in den wenigen Monaten seiner Regierung immerhin zum Thema gemacht und sie angesprochen. Die deutschen Politiker trauen sich ja bis heute immer noch nicht wirklich an die Aufarbeitung der Nazi- und der DDR-Geschichte -- und das 65 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft und 20 Jahre nach dem Mauerfall.

Der neue US-Präsident hatte aber auch eine starken Mentor, von dem er viel gelernt hat: Den Vordenker und Aktivisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen Saul D. Alinsky.

Hanns-J. Neubert 2009-10-13, Länge: 7057 Zeichen - ddd

Auf dem Weg zur Wissensdemokratie [DE]

Die deutsche Wissenschaftsdebatte der TELI ist auch in Holland angekommen.

Keine Ahnung woher man im Nachbarland davon wusste, aber der niederländische Rat für Raumordnung, Umwelt- und Naturuntersuchung RMNO lud mich ein, auf seinem Kongress »Auf dem Weg zu Wissensdemokratie — Towards Science Democracy« am 26. und 27. August in Leiden über die Möglichkeiten von mehr Bürgerbeteiligung durch Wissenschaftsdebatten zu erzählen. Nicht nur das. Auch über das EUSJA-Seminar auf dem Weltkongress der Wissenschaftsjournalisten in London Anfang Juli wollten die Veranstalter mehr wissen.

Die Kurzfassung der beiden Vorträge »Public Science Debates« und »Promises, Promises, ...« kann man auf der Webseite des Kongresses lesen.

LEHRSTUNDEN FÜR POLITIKER

Die holländische Regierung hat hier eine Konferenz von der Art organisiert, wie ich sie mir viel öfter, vor allem auch in Deutschland wünsche. Sie hatte offenbar vor allem den Zweck, dass Politiker und höhere Beamte etwas lernen. Die hielten, außer Begrüßungsreden, nämlich keine Vorträge. Sie saßen in den Seminaren, hörten zu, stellten allenfalls Verständnisfragen, und ließen ihre Protokollanten fleißig mitschreiben. Vorgetragen und diskutiert haben in den zahlreichen Einzelveranstaltungen vor allem Sozial- und Naturwissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Bürgerbewegungen.

Es ging in erster Linie um die Klärung, wie Bürger besser am gesellschaftlichen Wissen partizipieren und selbst das Wissen und den Wissensprozess in einer demokratischen Gesellschaft mitgestalten können. Auch darum, wie eine moderne Demokratie besser auf die Ideen, Wünsche und Visionen der Menschen eingehen kann, wie sie basisdemokratischer werden kann.

Das alles ist einfacher formuliert, als umsetzbar. Es fängt mit den völlig unterschiedlichen Vorstellungen von Demokratie an, die die verschiedenen Kulturen in den Niederlanden haben. Viele Einwanderer trauen sich beispielsweise nicht, ihre Ideen, Visionen oder auch Beschwerden etwa bei der Stadtteilgestaltung in öffentliche Anhörungen einzubringen.

Aber die moderne Demokratie in Holland spielt sich auch zunehmend in den sozialen Formen des Internet ab, wie einer der Redner mit eindrucksvollen Beispielen berichtete. Es wird nicht mehr auf der Straße demonstriert, es werden keine Flugblätter mehr verteilt, es wird direkt und sofort politisch gehandelt. So verlor beispielsweise eine holländische Großbank binnen weniger Wochen 75 000 Kunden, nachdem bekannt wurde, dass sie mit ethischen Zertifikaten handelte.

Dann ging es auch darum, wie das Wissen aus Forschung, Technik, aber auch das Erfahrungswissens der Bürger besser organisiert und zugänglich gemacht werden kann, um sinnvoll eingesetzt zu werden. Dazu gehört beispielsweise auch, wie das verteilte Wissen der nicht organisierten Web 2.0-Generation besser in demokratische Prozesse einfließen kann.

Nicht zuletzt ist Wissen und dessen Richtigkeit und Wahrheit auch relativ. Was für die einen Wissen ist, ist für andere Humbug. Was für die einen wichtig ist zu wissen, ist für andere nebensächlich, ja, sogar schädlich. Auch die Frage, wie Wissen denn eigentlich richtig angewendet werden kann, spielte eine Rolle. Technisches Wissen nützt beispielsweise nicht viel, wenn es in der Anwendung nicht funktioniert, wie es viele Menschen täglich bei abgestürzten Computerprogrammen oder mit nicht funktionierenden Verkehrsleitsystemen erfahren.

ZU VIEL THEORIE

Leider blieb der Kongress viel zu stark im Theoretischen hängen. Es waren wohl zu viele Wissenschaftler dabei. Auch das Seminar »Von der Reaktion zur Verantwortung — From Response to Responsibility«, in dem ich über öffentliche Wissenschaftsdebatten erzählte, war schlecht besucht. Denn auch die anderen Vortragenden gingen eher von der Praxis aus und stellten Beispiele vor, wie Wissen und Demokratie besser zusammen kommen können. Es waren der Vizebürgermeister von Den Haag, dazu ein früherer politischer Aktivist, heutiger Kommunikationsberater, und schließlich der Ankermann eines politischen Fernsehmagazins in Pakistan, der leider zu spät kam, weil ihm die Einwanderungsbehörde am Flughafen Schipol Probleme machte.

Offen blieb auch die Frage nach der sinnvollen Nutzung von Wissen. Denn Wissen allein führt eher zur Technokratie, anstatt die Demokratie weiter zu entwickeln. Es genügt nicht, wenn die Menschen über Wissen nur verfügen. Vielmehr müssen sie auch so gebildet sein, dass sie in der Lage sind, mit Widersprüchen zu leben oder damit, dass es für viele Probleme keine einfachen Lösungen gibt, vielleicht sogar überhaupt keine. Aber das Problem mangelnder Bildung, nicht zu verwechseln mit Ausbildung, wurde ausgespart.

Das habe ich auch in meinem Kongressblog »Wissen ohne Bildung ist wie Information ohne Wissen — Knowledge without literacy ist like Information without Knowledge« im Englisch-sprachigen Magazin »The Broker« als Kritik zum Ausdruck gebracht.

Aber bei der Offenheit für Lernprozesse, die die niederländische Regierung mit diesem Kongress gezeigt hat, denke ich, dass dieser Aspekt sicherlich beim nächsten Mal berücksichtigt wird.
Dieser Blog-Beitrag wurde geschrieben für den Blog der TELI-Wissenschaftsdebatte 2009 und dort zuerst veröffentlicht.

Hanns-J. Neubert 2009-09-02, Länge: 5698 Zeichen

When Knowledge Flops [EN]

Hamburg, 2009-09-01: Exceptionally going back home by car last Friday from the conference Towards Knowledge Democracy in Leiden, the several hours long slow going traffic jam up to the border to Germany gave me the opportunity to think about two simple problems with have only marginally been considered during the conference: Values, Emotions and Knowledge, and: When Knowledge Flops.

WHEN VALUES AND EMOTIONS OVER-RIDE KNOWLEDGE

The car ride from Leiden to Hamburg/Germany, a distance of almost 500 kilometres, took us 9 hours, creeping from traffic jam to traffic jam. By using the train it would have been about 6 hours from door to door.

You need not to be a scientist to know that travelling by car is a most inconvenient way to span the distance between two cities. From simple budgeting regarding time and money, considering pollution, danger of accidents, social costs and waste of landscape, the knowledge exists that it is not very wise to take a car to span longer distances.

Also the knowledge exists that there are better ways of travelling in more comfort and time saving ways.

However, cars have economical values, their construction maintains work places and the industry is an important source of economical wealth for countries and for Europe in total. Even more, cars are emotional, giving their owners the feeling of freedom even though they stuck in traffic jams pressed in uncomforable narrow seats. For some owners they are also sources of proud and potency. But all car drivers take it for given that they waste valuable life time on concentrationg on the traffic instead of working, reading or relaxing in comfortable train waggon armchairs.

Thus all the knowledge available obviously does not prevent a democracy from taking irrational, even stupid decisions while investing a good deal of society‘s economical and intellectual wealth into dead-end technologies. I know, cars are high-tech machines nowadays, and traffic research is considered as part of a knowledge economy, although it produces more problems like traffic jams than it solves.

So I come back to my previous blog where I proposed to put literacy into the centre of a congress, as I felt that knowledge only is too close to be of use in democratic processes. Knowledge is a prerequisite, but per se does not help in solving problems of democratic societies.

WHEN KNOWLEDGE FLOPS

A funny experience while creeping along the freeways of The Netherlands was the traffic guidance system. I performed a scientific analysis of the numbers appearing on big signboards over the lanes. Of course I imagined at first that the numbers were ment to propose a certain speed in order to keep the traffic flowing.

But I was obviously wrong. Though I felt in need of counting. These numbers appeared: 50, 70, 90, and 100. When we reached the border to Germany the result of my analysis looked as follows (statistical evidence 100 percent): 50 means „Total Stop“, 70 means „Stop and Go“, 90 and 100 mean „Slow Go“. A funny system.

Despite all the knowlege available to compute such simple mathematical models – compared to the complicated weather or climate models we have – the system obviously fails totally in the experiences of an independent and objective observer.

How can we be sure that all the knowledge we have, which all the wise people on the conference want to use in order to push democracy forward, do really work, if we need it? Isn‘t the weak link in all knowledge the engineer, the scientist, the politician, the officer who is unable to handle the knowledge in order to provide a functioning solution?

OUTLOOK AND THE LEIDEN AGENDA

Although the above mentioned examples are technical, they may show that democratic societies still have a long way to go. That was what I took home from the conference Towards Knowledge Society in Leiden.

The discussions on the conference have been quite theoretical. Practical examples, like those presented in the second session where I presented, From Response to Responsibility with Willem Schoonen as chair, seemed to be of lesser interest. If it remains by this one time event, I fear that democracy will not proceed.

Knowledge has to be tested. Experiences have to be collected in order to gain literacy. And many things have to be thought through more thorougly.

Like this statement in the Leiden Agenda: „... some areas of the media ... are becoming more populist than the populists themselves. This is almost always at the cost of analytical depth.“

That is theory. In practice it is the other way round: Because the media cannot pay the costs needed for analytical depth, they become populist.

Recommendation 13 of the Agenda mentions a more than 30 years old demand: „Create better conditions for transdisciplinary research. ...“

This is a good example that theoretical discussions do not change anything, although knowledge and examples are available. 30 years have been lost, because it is easier to aggregate in conferences only to propose such a recommentadion over and over again.

Or recommendation 18: „The media should regard it as their responsibility in a knowledge democracy to report critically from different perspectives ...“

Why should they? The media are industries and their prime target is to earn money. If the further development towards a knowledge democracy means also to proceed in privatisation and capitalisation of the media, then media will play no more role on the way to a knowledge or literacy society. And if the media fail as critical companions to a more advanced democracy, it is questionable if theoretical conference discussions can change anything.

GO ON AND TURN THEORY INTO PRACTICE

However, the Leiden conference Towards Knowledge Democracy was a first, important and very necessary step. It was a unique event showing that politicians and officers in the government of the Netherlands seriously are in search of bringing democracy forward, an attempt which is missing in most other European countries. I am sure that the organisers will learn from this experience and bring future discussions more down to the ground. The serious will is there, as I experienced during my smalltalks, and many good examples of knowledge usage have also be around. A good and promising basis.
This article appeared also on The Broker (with comments). Besides: I really recommend reading this magazine!

Knowledge without literacy is like information without knowledge [EN]

I like to travel, but I do not like to fly. No fear of flying,
however. But being trapped into artificial air for hours and hours,
from entering the doors of the airport of departure until stepping out
of the destination airport in search for a taxi. Usually a kind of
half sleep, or conscious unconsciousness overwhelms me immediately.

Blinding out the seat neighbour, the stewardesses, the captain?s
greetings and all the unrest around me, while waiting in the transfer
area for the connecting flight, my brains are still highly active. So
it happened in Copenhagen airport, that I suddenly got enlightened and
recognised that it is all wrong what I had planned to tell in my
presentations for the conference ?Towards Knowledge Democracy? in
Leiden these days.

?Knowledge? was the word that puzzled me. I had constructed my talks
around the contribution of knowledge to a better, a more democratic
society. But history showed, that knowledge societies most often are
no democratic societies. Instead they tend to be technocracies.
Knowledge alone cannot improve democracy.

I remembered a hot discussion with two of my journalist colleagues
from Great Britain and from Sweden during the first EuroScience Open
Forum in 2004 in Stockholm. We complained about missing literacy of
the public due to poor education. Lesser educated readers need
yes-or-no answers, whereas the better educated could easily live with
the uncertainties of scientific findings.

So for us literacy seemed to be the tool to handle knowledge and
knowledge overflow, with all their uncertainties and contradictions.
But politicians still ask for more knowledge and science
communication, and force this through the Bologna process. But
although more knowledge might be good for the usefulness of people in
industrial environments, it not necessarily good for their personal
development and for their ability to make known decisions.

I was happy that my brains cleared up my thought in time. Standing in
front of the audience the next day I was happy to meet a quite open
and open minded audience in the session ?Lost in Translation? where
the concept of literacy instead of knowledge was put further, although
basically an educational question.

Regarding my basic line entitled ?Promises, Promises?, I played the
ball back to science when discussing errors and misunderstanding in
science reporting. The audience did not complain. On the contrary, I
felt that they were happy to have learned something from the real world.

However, the discussion remained a bit academic. There was a nice
graph on the blackboard at the end of the seminar, listing mainly the
different functions of the media in a democratic society. I missed
statements describing the role of the public, the different publics,
and the role and duties of science in society.

But mainly I missed concrete proposals to incorporate the public in
the knowledge process and especially to make people more literate.
Maybe my expectations have been too high for such an academic
congress. Nevertheless was I happy to meet people willing to change
something and willing to be open to acquire new knowledge. One should
be satisfied with that. The fact alone, that such a congress is
nowadays possible, is a sign that changes are on the way.

Hanns-J. Neubert 2009-08-26, Länge/length: 533 words

Interessiert an Wissenschaft, nicht an Wissenschaftskarriere

Jugendliche in Europa sind außerordentlich interessiert an Wissenschaft und Technik. Die Mehrzahl von ihnen glaubt, dass sie nur Vorteile für die Gesellschaft bringen.

Aber eine Karriere als Wissenschaftler oder Ingenieur kommt für sie dennoch kaum in Frage. Das gilt besonders für die bisher führenden High-Tech-Länder, wie Skandinavien, Irland und England. Aber auch in Deutschland lehnen 54 Prozent der jungen Leute für sich ein Naturwissenschafts- oder Ingenieurstudium ab.

Das ist das Ergebnis der neusten Eurobarometer-Umfrage bei jungen Europäern zwischen 15 und 25 Jahren. Zwar lassen sich 90 Prozent der von ihnen von Neuigkeiten aus Kultur und Unterhaltung fesseln, aber immerhin auch 67 Prozent von Wissenschaft und Technik — genauso viele, wie von Sport. Für Wirtschaft und Politik interessieren sich dagegen gerade einmal 45 Prozent. Das sollte den Medien zu denken geben, die nach wie vor Wirtschaft und Politik als besonders wichtig erachten.

Was den Kampf gegen die Klimaänderung angeht, so denkt die Mehrheit, 57 Prozent, dass die effektivste Lösung eine grundsätzliche Änderung des europäischen Lebensstils ist. Die jungen Portugiesen erwiesen sich übrigens fast durchgängig als besonders umwelt- und klimabewusst.

Zu Herzen nehmen sollten sich die Forschungs- und Wirtschaftspolitiker, dass die meisten der jungen Leute wollen, dass wissenschaftliche Forschung dem Erkenntnisfortschritt dienen soll (88 Prozent), nicht aber der Entwicklung der Wirtschaft und schon gar nicht der privaten Nutzung in Unternehmen. Deshalb sollten in erster Linie auch die Bürger entscheiden, was erforscht werden soll, allenfalls noch die Wissenschaftler selbst. Auf keinen Fall wünschen sich die Jungbürger, dass Privatunternehmen über Forschungsthemen entscheiden.

Als Risiko empfinden die jungen Menschen die Forschungen auf den Gebieten von genveränderten Nahrungsmitteln und der Kernenergie. Mehr Vorteile als Nachteile sehen dagegen 74 Prozent bei der Hirnforschung.

Weitere Informationen:

Cordis News: Young people interested in science, but not in scientific careers
Flash Eurobarometer, Analytical Report: Young People and Science (PDF)


Hanns-J. Neubert DATUM, Länge/length: 2000 Zeichen - ddd

European commissionThings cannot be moved on European level [EN]

“European Commission breaks own rules” was the title of the article I posted here in July 2006. After lenghty and time consuming correspondence I was able to convince the European Ombudsman to look deeper into the bad behaviour of late payments of the European Commission for its expert evaluators. He will open “a new own-initiative inquiry into this issue in the near future”.

The full decision of the European Ombudsman can be read here: http://www.ombudsman.europa.eu/decision/en/062569.htm

OWN INITIATIVES

On 14 December 2007 the European Ombudsman indeed started his own-initiative inquiry and wrote a letter to the President of the European Commission, José Manuel Barroso.

20 December 2007: Ombudsman looks into whether the European Commission pays its bills on time

20 June 2008: Decision of the European Ombudsman on own-initiative inquiry OI/5/2007/GG concerning the European Commission (Summary is here)

7 July 2008: Ombudsman: Late payment by Commission still a serious problem


Hanns-J. Neubert 2008-01-07

Schulcomputer - zu wenig, zu viel

Bei der Versorgung seiner Schüler scheint Deutschland im Trend zu liegen. Computer im Schulunterricht sind -- im Gegensatz zu den meisten anderen Industrieländern -- eher die Ausnahme. Während sich in deutschen Schulen mehr als zwölf Schüler einen Computer teilen müssen - Platz 24 von 28 OECD-Staaten -, treten viele Schulen in den USA schon den Rückzug an.

Mit rund drei Schülern pro Computer liegen die USA so ziemlich an der Spitze. Doch gebracht hat die technische Aufrüstung in den Klassenzimmern offenbar nichts. Nach einer Studie im Auftrag der amerikanischen Bildungsministerin Margaret Spellings macht es für die Leistung der Schüler keinen Unterschied, ob im Unterricht neue Medien eingesetzt werden oder nicht. Ja, es hat sich sogar gezeigt, dass digitale Lernprogramme scheinbar völlig nutzlos sind.

Nur einen positiven Aspekt scheint es zu geben: Computer im Unterrichte fördern Kreativität und Selbständigkeit. Meint jedenfalls Mark Warschauer, Pädagogik-Professor an der University of California in Irvine. Aber für kurzfristige Lernerfolge seien Computer das falsche Mittel.

Hanns-J. Neubert [ddd]

EU Commssion breaks own rules [EN]

Hamburg 2006-07-24

The EU Commission seems to be worst in paying for services. Evaluators get paid for their work only after several months.

Think, you have worked very hard on quite difficult evaluations on projects, which have been proposed for funding by the EU Commission. You accepted an appointment letter, where you where obliged to pre-pay several hundred euros for travel and hotel expenses. The work environment in the run-down evaluation building at place Frere Orban in Brussels is not optimal. Not even air condition relieved the work during the hot months this summer. Payment is low and the daily allowances are not even enough to pay the hotel. But you are convinced to do a good job in order to support the Commission in finding the right decisions.

Evaluation Building in Brussels

The evaluation building of the European Commission at Place Frere Orban in Brussels

According to Article 106 of Commission Regulation No 2342/2002 sums due shall be paid within no more than 45 calendar days. But usually nothing happens. But if an evaluator kindly asks after 45 days in early July to pay him or her, he or she might get an answer like this:

»Dear Expert Evaluator,
[...] We expect, however, that everything will be solved and paid in the first two weeks of August.
Please accept our apologies and wishes for relaxing holidays!
Best regards,
Liz«


Relaxing holidays — but no money.

An e-mail from another EU Commission officer two week after the end of a different evaluation states it very open:

»[...] So you should not expect to receive any payment before three or four months from now. [...]
Linda«


»... from now.« is indeed four to five month since the end of the evaluation.

Well, the evaluator may apply for interests on arrears in a separate procedure, which may result in some extra euros after another several months.

Ironically the Commission says to fight late payments in the European Union. It created even an own web page, based on the directive 2000/35/EC of the European Parliament against payment delay. Around the year 2000 also the late payment practice of the Commission has been on the agenda. It says to have undertaken measures to apply the terms of Directive 2000/35/EC to its own contracting procedures. But saying so is different from doing so. Bureaucrats do not like to work. And why should they? The money for their well-paid jobs comes regularly every month, no matter if they work for it or not.

In 2001 the European Ombudsman had the feeling that he should do something and complained himself. In long-winded answers the Commission officials succeeded to convince him, that it undertakes some action against its late payments.

So the Ombudsman concluded on 16 February 2001:

»On the basis of the European Ombudsman's inquiries into this complaint, it appears that the European Commission has taken steps to tackle the problem of late payment that appear to be satisfactory. The Ombudsman's inquiries have thus revealed no maladministration in dealing with this initiative.«

But nothing has changed since then — aside from fact that the whole issue is kept quiet nowadays. Even five year later in the conclusion to the complaint by an evaluator the Ombudsman used nearly the same words. Obviously the Commission is experienced in deceptions.

Only for MEP Diana Wallis it is an issue. On 8 June 2006 she wrote on her web page:

»The week started with a breakfast meeting about »late payments«. By that I do not mean you and I missing paying our credit card bill, but late payments to firms, usually by governments who have contracted with them. Governments are the worst payers, these very governments who have begrudgingly signed up to the EU Late Payments Directive then can't keep to it.«

Also in June 2006 European Payment Survey, carried out by Intrum Justitia, stated:

»Governments are not setting a good example when it comes to paying contractors on time, thereby putting many supply companies at a large risk.«

So be warned if you have an appointment with the European Commission, or if you do business with it: It might be an expensive adventure for you. Better think twice before accepting a job at the Commission.

Hanns-J. Neubert
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Added on 2006-08-20 regaring the above cited mail from Liz from 4th July:

»Dear Expert Evaluator,
[...] We expect, however, that everything will be solved and paid in the first two weeks of August.
Please accept our apologies and wishes for relaxing holidays!
Best regards,
Liz«


The first two weeks of August have passed by, but no payments arrived.

Change in Opinion

Update 2007-11-20

Sometimes something happens. After a lot and time consuming correspondence the European Ombudsman at last came to a decision regarding late payments for expert evaluators of the European Commission.

The most remarkable result: I could convince him to open own-initiative inquiry into this issue in the near future.

See the full text of the story and the decision of the European Ombudsman here: http://www.ombudsman.europa.eu/decision/en/062569.htm

Hanns-J. Neubert

Gröhlen statt lesen

Hamburg 2006-06-08

Das Verhältnis von Körper- und Geisteskultur ist in Deutschland in eine eklatante Schieflage geraten. So sagte es sinngemäß Elke Heidenreich in ihrer Büchersendung im ZDF am vergangenen Dienstag.

Das liegt nicht allein daran, dass »die hohe Kunst der sinnlosen Bewegung« (Heidenreich), der Fußball, derzeit Hochkonjunktur hat. Nein, die Internetseite Bibliothekssterben führt ein Drama vor Augen, das schon seit vielen Jahren unerbittlich fortschreitet: Eine öffentliche Bibliothek nach der anderen schließt in Deutschland, während allein der Umbau der Stadien für ein paar Wochen nationaler Tororgasmen knapp 1,3 Milliarden Euro kostete.

Das, was Politiker oft als PISA-Schock bezeichnet haben, hat auf Regierungsebene offenbar zu keinerlei Nachdenken geführt. Weder die Schulen bekommen nennenswerte Unterstützung, noch die Universitäten, die neuerdings auch noch horrende Studiengebühren verlangen   für überfüllte Vorlesungen, verrostete Laboreinrichtungen und Professoren, die für ihre Studenten keine Zeit haben.

Für das lebenslange Lernen, das Bildungspolitiker so gerne im Munde führen, bleibt erst recht nichts übrig. Dabei sagen dieselben Politiker, dass das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft von Bildung abhängt.

Wohl wahr: Airbus in Hamburg findet in Deutschland keine Ingenieure und wildert jetzt bei den nördlichen Nachbarn, um dort die benötigten Fachkräfte abzuwerben.

Aber die werden sich noch wundern, wenn sie in Deutschland sind und feststellen, dass die nächste Bibliothek weit weg ist, nur eingeschränkt geöffnet hat und auch noch Geld kostet.

Es sind nicht nur die vorbildlichen Schulkonzepte und Universitäten, die die Skandinavier zur Bildungselite der Welt gemacht hat. Es sind vor Allem auch die Bibliotheken.

In Finnland sind sie selbst in den kleinsten Gemeinden Lebens- und Kulturmittelpunkt. So etwa in der 245-Seelen-Gemeinde Velkua im Schärengarten vor Turku, das sich eine Bibliothek mit über 5 000 Büchern leistet.

Jeder Finne leiht sich durchschnittlich 21 Bücher pro Jahr aus und besucht knapp 13 Mal eine der in jedem Ort vorhandenen Bibliotheken oder einen regelmäßig vorbeikommenden Bücherbusse. Sogar ein Bibliotheksschiff gibt es seit 1958, das die Bewohner abgelegener Schäreninseln mit Lesestoff versorgt. Die Deutschen dagegen sollen sich gerade einmal vier Bücher pro Jahr ausleihen.

Zwei von drei Finnen sind bei einer öffentlichen Bibliothek registriert, aber wahrscheinlich benutzen 80 Prozent der Finnen regelmäßig ihre Bücherhallen.

Kein Wunder, sind doch die Bücherhorte im Internetzeitalter zu regelrechten Zentren der finnischen Bildung geworden. Es sind auch Treffpunkte für Jugendliche, in denen gut ausgebildetes Personal die Besucher professionell in die Welt des Wissens einführen und durch den Dschungel der Informationen geleiten.

Und das alles kostenlos. So ist es gesetzlich vorgeschrieben und kostet den Staat 45 Euro pro Einwohner und Jahr. Deshalb finden Touristen im Norden Europas auch keine teuren Internet-Cafés.

Wissen und Bildung sind hier ein Menschenrecht, das nichts kosten darf. Auch Reisende können hier nach einer formalen Anmeldung ihre E-Mail checken, einen Regentag versurfen oder auch ein Buch in ihrer Heimatsprache lesen.

Nein, mit Bibliotheksschließungen, riesigen Schulklassen, Lerndruck, kürzeren Schul- und Studienzeiten, oft schlecht ausgestatteten Universitäten, mit Bibliotheks- und Semestergebühren wird es Deutschland wohl nie zu einer Wissensgesellschaft bringen.

Aber vielleicht muss es das ja auch nicht.

Hanns-J. Neubert
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